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| Ionenantrieb der NASA bei einem Test in der Vakuumkammer. © NASA |
Das klassische chemische Triebwerk, die Rakete wie man sie sich vorstellt, erhitzt durch Verbrennung ein Gas in einer Brennkammer. Die unter hohem Druck stehenden Verbrennungsgase können die Brennkammer nur in einer Richtung durch eine Düse verlassen. Dies tun sie mit hoher Geschwindigkeit, bis über 4 Kilometer pro Sekunde, wenn Sauerstoff und Wasserstoff verbrannt werden. Die Kraft die dabei auf das Raumschiff wirkt ist gross, jedoch geht typischerweise der Brennstoff nach ein paar Minuten zur Neige. Im Grundsatz gilt, je höher die Geschwindigkeit der Gase ist, desto lohnender ist der Treibstoff pro Kilogramm Masse.
Man könnte nun auf die Idee kommen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt etwas mit hoher Geschwindigkeit aus dem Raumschiff zu katapultieren. In alten Röhrenbildschirmen wurden beispielsweise Elektronen elektrisch auf hohe Geschwindigkeit gebracht um vorne auf den Bildschirm zu schiessen. So wurde das Fernsehbild gezeichnet. Bei der Beschleunigung dieser Elektronen wirken Kräfte, die den Fernseher beschleunigen würden, wäre er ohne Mattscheibe im Weltraum.
Die technische Weiterentwicklung dieser Grundidee heisst Ionenantrieb oder elektrischer Antrieb. Die Atome des Treibstoffs werden elektrisch geladen (ionisiert), in dem man sie eines ihrer Elektronen beraubt. Dann werden sie und die Elektronen getrennt in einem elektrischen Feld auf hohe Geschwindigkeit beschleunigt und ausgestossen. Der Treibstoff kann hier viel besser ausgenützt werden als beim chemischen Antrieb. Die Energie für die Beschleunigung muss jedoch ein Kraftwerk an Bord des Raumschiffs aufbringen (Solarzellen, Atomkraftwerk), ein chemisches Triebwerk bezieht seine Energie aus der chemischen Verbrennungsreaktion.
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| Geplante Raumsonde Bepi_Colombo der ESA, mit Ionenantrieb. © ESA |
Hinweis: In den USA wird der spezifische Impuls auf die Erdbeschleunigung g = 9.81 m/s bezogen angegeben. D.h. der hier angegebene spezifische Impuls durch 9.81 geteilt. Man erhält dann formal die Masseinheit Sekunden. Dies kann als Zeit verstanden werden, die die ursprüngliche Treibstoffmasse in der Schwebe gehalten werden könnte. Da Ionenantriebe nie so grosse Kräfte entwickeln, die ein Raumschiff an der Erdoberfläche schweben oder gar abheben lassen können, bringt uns das amerikanische Mass nicht weiter.
Ist die Masse des Treibstoffs klein im Vergleich zur Masse des Raumschiffs, kann die erreichbare Geschwindigkeitsänderung mit Hilfe des spezifischen Impulses abgeschätzt werden, da der auf das Raumschiff übertragene Impuls spezifischer Impuls mal Raumschiffmasse beträgt. Die Endgeschwindigkeit VE beträgt dann VE = I·M, wobei M die Raumschiffmasse ist. Dies lässt sich beispielsweise für Lagekorrekturtriebwerke anwenden. Bei Trägerraketen ist das umgekehrte der Fall, der Treibstoff ist der Hauptanteil von M. Die Überlegung mit dem Impulsübertrag auf das Raumschiff hat folgendes Detailproblem. Während das Triebwerk läuft verlässt dauernd Treibstoff das Raumschiff und es wird leichter, und damit bei gleichem Impuls schneller sein. Als zusätzliche Rechenschwierigkeit wird ein Teil des Treibstoffs mit beschleunigt bis er verbraucht wird. Wenn man all dies berücksichtigt führt dies zur sogenannten Raketengleichung. Für grundsätzliche Abschätzungen ist jedoch nur ein Teilergebnis der Raketengleichung hier bedeutsam, die erreichte Endgeschwindigkeit, wenn aller Treibstoff aufgebraucht ist. Wenn Anfangsmasse (vollgetanktes Raumschiff) MA, die Masse des Raumschiffs mit leerem Tank ME und die Geschwindigkeit der Gase bei verlassen des Antriebs VA ist, so ist die erreichte Endgeschwindigkeit VE = VA·ln(MA/ME).
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| Deep-Space-1. © NASA |
Im interplanetaren Raum war die Sonde Deep-Space-1 der Pionier für elektrische Antriebe. Die Sonde startete am 24. Oktober 1998. Der wissenschaftliche Höhepunkt war der Vorbeiflug am Kern des Kometen Borrelly. Der spezifische Impuls des Triebwerks liegt mit 30'000 m/s nun wesentlich höher als bei allen chemischen Triebwerken. Auch hier ist der Schub mit 0.092 Newton bescheiden. Das Triebwerk muss deshalb anderthalb Jahre arbeiten (14'000 Stunden). Bei interplanetaren Flügen ist dies kein Problem, da sie wegen der grossen Distanzen immer Monate bis Jahre dauern.
|   | Technische Daten des Deep-Space-1-Triebwerks: | |
|   | Treibstoffmasse Xenon (superkritisch bei 70 bar) | 81.5 kg |
|   | Maximal verfügbare elektr. Bordleistung | 2.5 kW |
|   | Ausstossgeschwindigkeit (VA) | 30 km/s |
|   | Spezifischer Impuls | 3100 s, bzw. 30'000 m/s |
|   | Massendurchsatz | 3 Milligramm pro Sekunde |
|   | Schub | 0.092 N |
|   | Erwartete Geschwindigkeitsänderung, 15 Monate | 3.6 km/s |
|   | Brutto-Anfangsmasse der Raumsonde (MA) | 485 kg |
|   | Anteil Solarzellen | 58 kg |
|   | Masse mit leerem Tank (ME) | 403.5 kg |
Eine grosse Anwendung der Zukunft könnte die bemannte Marslandung sein. Da für eine bemannte Mission der Materialbedarf ungleich höher ist, als bei einer Robotermission könnte hier der elektrische Antrieb seinen Vorteil von viel geringerem Treibstoffgewicht bei gleicher Geschwindigkeitsänderung ausspielen. Allerdings gibt es da auch Probleme. Die Solarzellen erreichen ein riesiges Ausmass, besonders da sie neben dem Antrieb auch die Lebenserhaltungssystem mit Energie versorgen müssen. In einigen Szenarien werden daher die Solarzellen durch einen Kernreaktor ersetzt, der jedoch auf sehr wenig Akzeptanz in der Öffentlichkeit stossen würde. Wenn in niedrigen Erdorbit mit dem Raumschiff gestartet würde, dann müsste man sich zuerst im Laufe vieler Wochen bis Monate in eine hohe Erdumlaufbahn hochschrauben. Eine nicht akzeptabel lange Verweilzeit der Crew im Strahlungsgürtel der Erde wäre die Folge. Für unbemannte Frachtflüge wäre dies jedoch kein Problem. Die ESA setzt deshalb in ihren Studien zur bemannten Marslandung auf konventionelle chemische Antriebe. Vielleicht wird die tatsächliche Mission ein Hybrid aus chemischem Antrieb (um die Erdanziehung rasch zu verlassen) und Ionenantrieb sein.
In einer Weiterentwicklung durch den australischen Physiker Dr. Orson Sutherland von der nationalen Universität in Canberra im Auftrag der ESA wurde bei einem zweistufigen Prototyp eine Verzehnfachung der Austrittsgeschwindigkeit (d.h. bis 200 km/s) erreicht. Dieses Prinzip verspricht in der Zukunft einen breiteren Einsatz des Ionentriebwerkes, da nun der Treibstoffanteil an der gesamten Raumschiffmasse fast vernachlässigbar würde. Um das Problem des Strahlungsgürtels zu umgehen, könnte vielleicht die Mannschaft mit einer leichten schnellen Kapsel das grosse Transferraumschiff erreichen und andocken, wenn es bereits den Strahlungsgürtel verlassen hat.
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| Daedalus, Kernfusionsraumschiff nach den Vorstellungen der British Interplanetary Society. © British Interplanetary Society. |
Man könnte nun argumentieren, dass die 200 Kilometer pro Sekunde noch lange nicht das Ende der technischen Entwicklung sei und in der Zukunft durch bedeutend höhere Ausstossgeschwindigkeiten ersetzt werden könnten, beispielsweise durch Kernfusion, direkt in der Antriebsdüse. Dies wurde durchgerechnet unter dem Projektnamen Daedalus. Doch auch mit 20'000 km/s Ausstossgeschwindigkeit VA von Daedalus löst man das Problem der endlichen Geduld der Menschen nur knapp und auch nur für eine unbemannte Sonde, die am Ziel nicht gebremst wird.
Was wäre, wenn nun die Partikel mit Lichtgeschwindigkeit ausgestossen würden, die grösste mögliche Geschwindigkeit? Solche Partikel gibt es, sie heissen Photonen, Lichtteilchen. Nehmen wir an, ein Raumschiff von 10 Tonnen Gesamtgewicht habe ein Nuklearkraftwerk mit einem Megawatt Leistung. Damit würden bei einem (sehr optimistischen) Wirkungsgrad von 100% Laser betrieben, die unsere Photonen wie ein Triebwerk in das Weltall schiessen. Jedes Lichtteilchen (Photon) hat einen Impuls. Der Gesamtimpuls ist unabhängig von der Wellenlänge und hängt nur von der in den Laser gesteckten Energie ab. Seien wir noch etwas utopischer und nehmen wir nicht Uran als Energieträger sondern gleich 2.5 Tonnen Antimaterie. Das Raumschiff würde also mit einem Gewicht von 10 Tonnen starten und am Schluss noch fünf Tonnen wiegen. So würde man eine Endgeschwindigkeit von 300'000 km/s ·ln(10 Tonnen/5 Tonnen ) = 200'000 km/s erreichen (man müsste eine relativistische Raketengleichung verwenden. Wir sind hier jedoch nicht an genauen Zahlenwerten interessiert). Das klingt vielversprechend, die Reise zu unserem Nachbarsonnensystem würde auf unter ein Jahrzehnt sinken. Doch die Ernüchterung kommt, wenn wir die Kraft ausrechnen, die unsere Laser auf das Raumschiff ausüben. Der Impuls, der pro Sekunde übertragen wird, beträgt nur 1 Megawatt / Lichtgeschwindigkeit = 0.0033 Newton (übertragener Impuls pro Sekunde ist eine Kraft). Wenn wir das mit den Zahlen von Deep-Space-1 vergleichen, so ist die Beschleunigung noch viel kleiner als beim elektrischen Antrieb (schwereres Raumschiff geringere Kraft) und macht diese Methode für interplanetare Flüge uninteressant (abgesehen von einer Variante, dem Sonnensegel). Man wird es als Erbauer einmal mehr nicht erleben, dass das Raumschiff ein fernes Sonnensystem erreichen.
Elektrische Antriebe werden im Laufe des 21. Jahrhunderts zum Standard in der Raumfahrt von Planet zu Planet. Der Start von der Planetenoberfläche in eine Umlaufbahn wird jedoch den heute schon verwendeten chemischen Raketen vorbehalten sein. Ob die bemannte Marslandung eines Tages von dieser Antriebsart Gebrauch machen wird bleibt abzuwarten.
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