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Noch in der Sowjetunion zur Zeit des Eisernen Vorhangs gebaut, entwickelte sich die Raumstation Mir in den neunziger Jahren zu einer internationalen Raumstation unter russischer Führung. Nach einer Serie von Pannen und der Inbetriebnahme der ersten Module der moderneren ISS (International Space Station), entschied sich die russische Regierung, die Mir aufzugeben - trotz kommerzieller Interessen an der Raumstation. Im März 2001 soll nun die Raumstation Mir kontrolliert über dem Pazifik zum Absturz gebracht werden.
Auch wenn in den letzten Jahren die Raumstation Mir immer wieder wegen Unfällen und Pannen für Schlagzeilen sorgte, muss man anerkennen, dass mit ihr sehr wertvolle Erfahrungen gesammelt werden konnten. Mit der Mir konnten Erfahrungen im modularen Zusammenbau einer Station gesammelt, und es konnten Schwierigkeiten und unplanmässige Reparaturen vorgenommen werden, man konnte die Wirkung der Schwerelosigkeit auf den Menschen studieren und die internationale Zusammenarbeit proben. Diese Erfahrungen kommen nun besonders der internationalen Raumstation ISS zugute, die nun dazu beitragen wird, dass der Mensch irgendwann in kommenden Jahrzehnten wieder in den Raum jenseits der Umlaufbahnen um die Erde bemannt vordringen kann.
Von einem sowjetischen Aussenposten zur internationalen Zusammenarbeit
Während die Amerikaner nur einmal eine Raumstation für relativ kurze Zeit unterhielten - Skylab 1973 - hatte die Sowjetunion eine Tradition im Unterhalt von Raumstationen entwickelt. Nach dem verlorenen Wettlauf zum Mond waren Langzeitaufenthalte im Weltraum ein Gebiet, wo für die Sowjetunion noch Rekorde zu holen waren. Unter dem Namen Saljut wurden zwischen 1971 und 1982 sieben Raumstationen von der Sowjetunion in die Erdumlaufbahn gebracht. Die Nettomasse einer Saljut-Station betrug bis zu 19 Tonnen. Dies war ziemlich genau ein Viertel der Masse des amerikanischen Skylab. Der Nachfolger von Saljut 7 wurde nicht Saljut 8, sondern Mir getauft. Mir bedeutet Frieden, was wohl als politische Aussage gedacht war. Am 20. Februar 1986 wurde das Basismodul (core module) der Raumstation Mir in eine Erdumlaufbahn gebracht. Dieses Modul ist die Basis für das Leben und die Forschung an Bord der Station. Das 20.4 Tonnen schwere Teil ist auch das Verbindungsstück zwischen allen weiteren Modulen, die noch folgen sollten, und besitzt zwei Andockstellen für die bemannten Sojus-TM Transportschiffe und die unbemannten Progress-M Versorgungskapseln. Im Basismodul sind auch Lebenserhaltungssysteme und Aufenthaltsräume für die Mannschaft untergebracht. Es folgte am 12.3.1987 als erstes Modul das Astrophysik-Modul Kvant-Modul (11 Tonnen) und bald darauf, am 6. Dezember 1989, das Kvant-2-Modul (19.6 Tonnen). Neben wissenschaftlichen Instrumenten zur Astrophysik wurde die Station mit Kvant-2 auch mit einer Ausstiegsluke ergänzt. Damit konnten die Kosmonauten nun auch ausserhalb der Station arbeiten.
Am 10 Juni 1990 folgte das Modul Kristall, das vorwiegend für Materialforschung vorgesehen war. Es wurde mit Kristall auch eine Andocklucke zur Mir gebracht, die das Andocken von Raumschiffen bis zu 100 Tonnen Masse erlaubte. Am 1 Juni 1990 folgte das für die Erderkundung gebaute Spectr-Modul, und als letztes Modul wurde am 27. April 1996 das Priroda-Modul angebaut, das einen abbildenden Radar (synthetic aperture radar, SAR) und verschiedene Typen von Spektrometern zur Untersuchung von Aerosol in der Erdatmosphäre an Bord hatte. Schliesslich erhielt die Mir 1997 noch ein Andockmodul für das amerikanische Space Shuttle, das im Rahmen der Mission STS-74 zur Raumstation gebracht wurde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der rasch schlimmer werdenden Finanzkrise war die Internationalisierung der Mir die einzige Überlebenchance.
Bis heute waren über hundert Astronauten und Kosmonauten an Bord der Mir. Neben der Sowjetunion bzw. Russland befanden sich auch Astronauten und Kosmonauten aus Afganistan, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Japan, Kasachstan, Österreich, Slovenien, Syrien und den USA auf der Raumstation.
Gefährliche Momente im Weltraum
Nach wie vor muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass sich die bemannte Weltraumfahrt für Material, Technik und Mensch an der Grenze des Möglichen abspielt. Ein Raumschiff - auch in der Erdumlaufbahn - ist immer eine kleine zerbrechliche Insel in einer lebensfeindlichen Umgebung. Die Raumstation Mir erlebte mehrere gefährliche Pannen. Am 24. Februar 1997 entzündete sich ein chemischer Sauerstoffgenerator. Die Mannschaft konnte durch Tragen von Atemschutzmasken einer Rauchvergiftung vorbeugen. Nach weiteren Schwierigkeiten mit der Sauerstoffversorgung und der Wasseraufbereitung entging die Raumstation am 25. Juni 1997 nur knapp einer fatalen Dekompession, als eine Progress-Versorgungskapsel gegen die Raumstation stiess und ein Leck in das Spektr-Modul schlug. Zum Glück war das Leck klein genug, dass die übrige Raumstation vom leckgeschlagenen Modul isoliert werden konnte. Trotz dieser gravierenden Panne konnte die Station bemannt bleiben. Nach etlichen Schwierigkeiten gelang halbwegs die Reparatur. Auch führte die NASA - ein US-Astronaut war während der Kollision an Bord - trotz Kontroversen um Sicherheitsbedenken die Zusammenarbeit mit den Russen weiter. Die Situation stabilisierte sich wieder und ein weiterer Betrieb der Mir bis zur Inbetriebnahme der neuen internationalen Raumstation ISS war möglich. Kommerzielle Pläne und das AusPolitisch, finanziell und technologisch war es für Russland attraktiv, sich bei der neuen internationalen Raumstation (ISS) zu beteiligen. Die knappen Finanzmittel machten aber einen dazu parallelen Betrieb der kränkelnden Mir unmöglich. Am 28. August 1999 wurde die Raumstation ohne Beatzung zurückgelassen. Es war geplant, die Raumstation schon zu Beginn des Jahres 2000 durch eine kontrollierte Änderung ihrer Umlaufbahn zum Absturz zu bringen. Unter dem Namen MirCorp wurde in den Niederlanden eine Firma gegründet, die eine kommerzielle Nutzung der Mir zum Ziel hatte. Man hoffte auf zahlungskräftige Weltraumtouristen und wissenschaftliche Aufträge. Somit erhielt die Raumstation im Auftrag von MirCorp im Jahre 2000 nochmals für ein paar Wochen Besuch von der Erde.
Schliesslich entschloss sich die russische Regierung nun doch, die Raumstation aufzugeben und kontrolliert in die Erdatmosphäre zurückzuführen, solange der Zustand der Raumstation ein solches Manöver überhaupt noch zulässt. Bereits sank die Spannung der Stromversorung an Bord soweit ab, dass die für eine Stabile Lage der Station notwendigen Gyroskope zeitweise versagten und der Computer ausfiel. Wenn wenigstens der Computer arbeitet kann die Station mit Lagekontroll-Triebwerken stabilisiert werden. Mit arbeitendem Computer könnte somit eine unbemannte Progress-Kapsel trotz Versagen der Kreisel andocken und die Mir mit genügend Treibstoff betanken, damit der kontrollierte Abstieg möglich ist. Wenn doch noch alles nach Plan läuft, wird die Mir über dem Pazifik östlich von Australien in der Atmosphäre teilweise Verglühen. Bis zu 50 Tonnen der Raumstation werden den feurigen Flug durch die Atmosphäre überstehen und in einem 6000 Kilometer langen und 200 Kilometer breiten Streifen in den Ozean fallen. Doch selbst wenn den Russen ein Wiedereintritt von Mir nach Plan nicht gelingen sollte und die Trümmer irgendwo niedergehen, so bestehe nach The Aerospace Coorperation Center for Orbital and Reentry Debits Studies in El Segundo, CA, USA keine Katastrophe bevor. 3/4 der Erde seien mit Wasser bedeckt. Es gäbe viel freier Raum. Deshalb sei auch noch nie jemand von einem Satellitentrümmer getroffen worden, trotz von jährlich etwa 100 Wiedereintritten grösserer Stücke. Andererseits sind die Raumfahrtagenturen sehr vorsichtig, wenn erwartet wird, das ein Satellit nicht vollständig in der Atmosphäre verglüht. Beispielsweise wurde der Astrophysik-Satellit COMPTON von der NASA trotz Protesten aus der Fachwelt vorzeitig in die Erdatmosphäre gesteuert, damit der Wiedereintitt sicher über unbewohntem Gebiet stattfinden konnte. Beobachten Sie die letzten Runden von Mir
Die Flugbahn der Raumstation ist stark geneigt: Mit einer Inklination von 51.6° gegenüber dem Äquator wird ein Grossteil der Weltbevölkerung überflogen. Ende Januar betrug die Flughöhe gerade noch knapp 300 km. Auf diesem Orbit erscheint die grosse Raumstation während dem Überflug in der Dämmerung auffällig hell. Werfen Sie deshalb noch einen letzten Blick auf die über 30 Meter grosse russische Raumstation, bevor sie definitiv im Pazifik versenkt wird. Mit Hilfe von der interaktiven Online-Software CalSKY können Sie sich die notwenigen Daten zur Beobachtung beschaffen: |
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